Alle Jahre wieder Weihnachtsgeschäft. Mein Mitgefühl gilt in diesen Tagen ganz besonders den armen Schweinen, die im Verkauf arbeiten und sich mit dem schlechtgelaunten, unfreundlichen, unverschämten Kundenpöbel herumschlagen müssen. Ich weiß nämlich, wie das ist:
Eine gute Freundin führt ein edles kleines Geschäft für Weine und dazugehörige Accessoires und geriet vor Jahren justament im Dezember in eine Notlage, als zwei ihrer drei Angestellten von einer damals in unserer Gegend wütenden Grippe aufs Krankenlager geworfen wurden. Da sie um meine große Affinität zum Wein wußte, bat sie mich in ihrer Verzweiflung, ob ich nicht ein paar Tage... und so stand ich am nächsten Morgen pünktlich um neun im Laden, um der verwöhnten Kundschaft eines besseren Kölner Vorortes zu Diensten zu sein. Seitdem ist meine Hochachtung gegenüber den Märtyrern der Verkaufsschlacht in höchste Höhen gestiegen. Meckernde Kunden, schlechtgelaunte Kunden, unfreundliche Kunden, unverschämte Kunden... wenn dann noch Vollmond ist, wird es ganz schlimm.
Sehr beliebt auch Mütter mit Einzelkindern, Typ anorektische Oberlandesgerichtspräsidentengattin mit einem noch kurz vor der letzten Menopause produzierten Mini-Terroristen an der Seite. Nicht an der Hand, sondern freilaufend. Was mir automatisch Schweißperlen auf die Stirne trieb, weil einige recht teure Waren aus mundgeblasenem Glas in den Vitrinen standen. Der Terrorist rannte erratisch durch den Laden, streifte einen mit aufgetürmtem Weinhnachtskrimskams hochbeladenen Tisch, und zwei oder drei Weihnachtsengel machten Bauchlandung auf dem Fußboden.
"Malte-Laurenz!", schalt daraufhin die anorektische Mama das Kind, das nur kurz aufblickte, sich dann aber der liegenden Engel wie auch der mütterlichen Ermahnung nicht weiter kümmerte. Ich seufzte (innerlich) und vertiefte mich mit der Frau gerade wieder in die Details der Herstellung und Verkostung eines guten Amarone, da schepperte der Miniterrorist abermals an den Vitrinen vorbei. Jetzt fand ich den Augenblick gekommen, Frau Mama um etwas sorgfältigere Aufsicht, ihren Sprößling betreffend, zu bitten. Sie war gerade dabei, mir ihre Empörung über meine "Unverschämtheit" mitzuteilen, als uns der erwartet-befürchtete helle Knacks unterbrach. Ein Alambicco, eine kleine Flasche voll edlen Grappas in Form eines Destillierkolbens (eine Zeitlang trés chic), hatte dran glauben müssen. "Malte-Laurenz, nun paß aber ein wenig auf!" war die Reaktion der Frau Mama, die es offensichtlich damit bewenden lassen wollte.
Ich sah die Frau an, die Frau sah mich an. "Macht Hundertneunundzwanzig Euro Neunzig", sagte ich. Die Frau sog schnaufend den Atem ein, ihre Gesichtsfarbe wechselte ins zunehmend rötliche und sie setzte zu einer wahrscheinlich nicht sehr charmanten Antwort an, als plötzlich der Leiter der nahegelegenen Polizeiwache in den Laden trat. In Uniform. Mit dem Mann war ich gut bekannt, wir begrüßten uns herzlich, dann wandte ich mich wieder der Frau zu. Die aber blickte nur kurz zur Seite, schwieg betroffen, zählte das Geld ab und legte es neben die Kasse, griff nach Malte-Laurenz und verließ ohne ein einziges weiteres Wort den Ort ihrer Niederlage.
Wieder mal ein Polizeibild von Pete Doherty gesehen. Abgewrackt. Ein halbtotes armes Würstchen linst depressiv in die Kamera. So einen kannte ich mal von der Schule her. Der ist als Kind immer von den Mädchen verpügelt und später nie geknutscht worden.
An der These, daß Geld und Status in den Augen der Frauenwelt auch den häßlichsten Quasimodo weit über einen knackigen Beau erhaben sein lassen, scheint was dran zu sein.
Überall an den Hauswänden jetzt adventliche Deko. Kletternde Santa Clauses in pelzverbrämter Hose, Jacke und Bommelmütze.
Eine rote Badehose würde es bei den Temperaturen auch tun.
Schon erstaunlich, wenn man gewisse Studentennetzwerk-Blogs betrachtet, wie wenig sich Studenten ("geistige Elite") noch von hysterischen Tokio H*tel-Fans unterscheiden.
...weil die Telekom sparen will und drum wohl auf die Schnapsidee verzichtet, via Sponsorship die Fußball-Bundesliga zur "Telekom-Liga" zu entstellen.
Das erfreut mein reaktionäres Herz ungemein. Schließlich sage ich noch heute zur Spielstätte des 1. FC Köln (der Verein mit dem Messias) RheinenergieMüngersdorfer Stadion.
Der Wahlprüfungsausschuß des Deutschen Bundestages hat nichts gegen den Einsatz von Wahlcomputern bei Bundestagswahlen und läßt Einsprüche gar nicht erst zu, weil die "offensichtlich unbegründet" wären. Formaljuristisch gesehen hat der Ausschuß sogar recht, denn der Einspruch bezog sich auf die grundsätzliche, nachgewiesene Manipulierbarkeit der Automaten und nicht auf Unregelmäßigkeiten während einer Wahl. Und da das nicht bewiesen sei, gäbe es auch kein Problem. Der Einsprucherheber, der Software-Ingenieur Ulrich Wiesner, hat nichts anderes erwartet: "Der Wahlprüfungsausschuß ist Richter in eigener Sache und damit ein Fremdkörper in unserem Rechtssystem".
So sind sie halt, unsere von Sachzwängen und Lobbyisten umstellten Experten. Probleme gibt es keine, und wenn doch, werden sie eben wegdefiniert.
In Italien (!) ist man da mittlerweile schon weiter. Nach dem mirakulösen Aufholen der Berlusconi-Koalition im Verlauf der Wahlnacht im April 2006 wurden Vorwürfe laut, Berlusconi-nahe Wahlhelfer hätten der Forza Italia durch Software-Manipulation ca. eine halbe Million Stimmen zugeschanzt. Nun hat der Inneminister Amato verkündet, man wolle den Einsatz von Wahlcomputern stoppen.
Nun ja, nachdem Berlusconi sich wieder ganz seinen Haartransplantationen widmen kann, ist in die italienischen Poliktik wieder etwas mehr Vernunft eingezogen. Wir dagegen, wir haben die Große Koalition.
Ackermann zahlt 3,2 Mio Euro, Esser deren 1,5. Ob Konzernvermögen veruntreut worden ist, wird juristisch nie mehr geklärt, geschweige denn geahndet werden. Der Richter im Mannesmann-Prozeß Stefan Drees begründete dies wie folgt:
"Das öffentliche Interesse an der Aufklärung des Geschehens ist weitgehend befriedigt."
Fehlbesetzungen wie Drees erweisen dem Rechtsempfinden wie Rechtsfrieden im Land einen Bärendienst.
Beim Durchblättern dieser mäßig überzeugenden Seite plötzlich daran erinnert, als Kind noch Frauen erlebt zu haben, die nach dem Tod des Ehemannes schwarz trugen, über Wochen oder gar Monate. Nicht in übertriebener Weise wie die Klageweiber, schließlich stamme ich nicht aus Sizilien, sondern aus dem Rheinland.

Aber der Verlust, die Trauer wurde der Umwelt unmißverständlich mitgeteilt. Heute hat sich das alles in der allgemeinen Beliebigkeit aufgelöst, man schweigt und verdrängt, man feiert "Auferstehungsgottesdienste", am liebsten New-Age-mäßig mit Trauergästen ganz in Weiß und lächerlicher Popmusik vom Band, man hat das Traurige, den Verlust, das Schreckliche und das Gedenken verbannt, weil es zu einem Maßstab werden könnte, das, worauf man da trifft, wenn man sich nur zu sehr erinnert. Und doch wird ein hohles Erinnern beschworen, "Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird", so lügen mir die Todesanzeigen leise flüsternd und hilflos aus der Zeitung entgegen (in fünf oder zehn Jahren wird es in gedruckten Zeitungen nur noch Anzeigen für Tote geben), als ob dies ein Trost sei und nicht vielmehr nur eine weitere Drohung, dieses "Fortleben" in den Gedanken anderer, als ob ich solange noch in jener Übergangswelt aus dunkelschimmerndem Obsidian schwebend verharren dürfte, solange noch einer mit meinem Namen Erinnerungen und hoffentlich gute Augenblicke verbindet und erst dann in der aschenen Dunkelheit des Todes und der Vergessenheit endgültig verwehen müßte.
Aberglaube auch dies, so wie überhaupt in dieser durchtechnisierten Zeit voll mit gadgets und widgets und web-affininen Applikationen der Mystizismus fröhliche Urständ feiert wie seit der Zeit der Hexenverbrennungen nicht mehr, Astrologie, Kartenlesen, Feng Shui, kein Unsinn so dumm, daß er nicht taugte, den Verzweifelnden noch das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen und das letzte Hemd leer zu machen. Und wir werfen uns läppischen Ritualen in die Arme, die uns Trost und Sinn und Ruhe verheißen und vergessen, daß wir all diese trost- und sinn- und ruhespendenden Rituale bei uns selbst schon hatten, bis wir sogar vergessen haben, daß sie uns abhanden gekommen sind, irgendwann, nebenbei.
