Mittwoch, 27. September 2006
Angst-Theater

Eine drei Jahre (!) alte, ziemlich schlechte Operninszenierung (die übrigens eine grausliche Mozart-Vergewaltigung darstellt), und kein Hahn hat bisher groß danach gekräht.

Und nun verwandelt sich die zuständige Intendantin medienträchtigst in eine Bangbüx.

Demnächst verbieten wir Faust-Inszenerungen aus Angst vorm Tierschutzverein, schließlich gehört da ein Pudel auf die Bühne.

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Dienstag, 26. September 2006
Neons Ramsch- & Resterampe



Eigentlich wollte ich ja angesichts dieser Printreklame für Gruner & Jahrs supertolle Jugendzeitschrift Neon schon das lästern anfangen: "wann isses denn umgekehrt?"

Dann hab ich noch mal hingeschaut und die Anzeige um 180° gedreht.



Haha. Ist das jetzt vorauseilender Galgenhumor? Jedenfalls verramschen die sich schon selbst. Und finden das nicht peinlich, sondern cool. Und wissen nicht, daß heutzutage kein Mensch unter 30 noch "cool" sagt.

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Montag, 25. September 2006
Raubritter

"Kartellamt untersagt Stromsperre bei Kunden

Zweimal drohte ein Energieversorger einem Verbraucher, ihn nicht mehr zu beliefern - Kartellamtspräsident Böge findet das empörend. Er will solche Drohungen nun mit Geldstrafen von bis zu einer Million Euro ahnden."


...sacht Spon. Ich bin baß erstaunt. Nach nur wenigen Jahrzehnten scheint man an verantwortlicher Stelle gemerkt zu haben, daß sich Erpressung und Raubritterei zumindest etwas mit unserer Rechtsordnung beißen.

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Doppelter Gedenktag

Ich war ein ganz und gar ungewöhnliches Kind. Schon frühzeitig wußte ich durch übertrieben altkluges Auftreten nicht nur meine Altersgenossen zu überraschen, auch Erwachsene fanden sich aufgrund meiner geschickt & klug gestellten Fragen nach den grundlegenden Dingen des Lebens schnell an den Rand der Verzweiflung gedrängt. Ich las viel und wußte alles. Obwohl der Begriff damals noch in den Falten ungeborener Universen selig schlummerte, wurde ich schon früh zum Prototyp des Nerds.

Einerseits.

Andererseits war ich leicht zum Zorn zu reizen, nur ein höhnisches Wort und ich vergaß mich regelmäßig. Was meine geringen Körperkräfte nicht bewirkten, ersetzten Adrenalin und wutgesteuerter Impetus. Bald schon erwarb ich mir auf dem Grundschulhof einen äußerst rustikalen Ruf, der mir vor allem eines bescherte: man ließ mich in Ruhe, was ich sehr zu schätzen wußte. Es wird also nicht weiter verwundern, wenn ich überdies gestehe, bis zu meinen 15. Lebensjahr unmusikalisch wie ein Holzpfosten gewesen zu sein. Ich hatte keinerlei Interesse an allem, das da schwingt und klingt, nicht das Geringste. Zwar berichtet man mir, daß Glockenklang oder Orgelbraus einst den unleidlich greinenden Säugling schnell zu beruhigen wußten, aber das kann kaum als Ersatz für eine musikalische Haltung an sich gewertet werden, höchstens als Vorgriff auf spätere Interessen an frommen Dingen und der Gotteskunde.

Dann aber, im Sommer neunzehnhundertneunundsiebzig, ereignete sich etwas. Zu dieser Zeit war ich Zögling eines in Trägerschaft der Evangelischen Landeskirche Westfalens befindlichen Internates, der Ev. Landesschule zur Pforte zu Meinerzhagen, dessen kurze Geschichte vor knapp zehn Jahren so gründlich zu Ende ging, daß im vergangenen Frühjahr der ganze Komplex abgerissen wurde und heute nur noch Baum und Strauch den Hügel zieren, auf dem ich fünf Jahre meines Lebens verbrachte.

Wie habe ich in den Wintern dort gefroren! Wenn die schlecht verfugten Fenster entlang der verglasten Gänge den sauerländischen Schneestürmen nicht zu trotzen vermochten und sich an den Ritzen Miniaturschneewehen bildeten (innen!), zogen wir uns einfach einen Pullover mehr über. Die Kälte war keineswegs pädagogisches Programm, die Kälte war eine Folge des maroden Heizungssystems, das bereits nach zehn Jahren schwere Leckagen aufwies, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß der Gebäudekomplex auf künstlich aufgeschütteter Kuppe thronte, wie die Fama wußte, und aufgrund des lokalklimatisch bedingten Dauerregens langsam, aber unaufhaltsam talwärts zu rutschen begonnen hatte. Auch sonst war der Aufenthalt an dieser entlegenen Stelle nur von mäßigen Reiz, für einen Rheinländer schwer erträgliche westfälische Schwermut, die hinter wirklich jeden Satz ein fragendtrotziges "woll?" anzufügen nicht versäumt.

Zwischen den Ferien durften die Internatsschüler ein- oder zweimal zu einem sogenannten Heimfahrtswochende in den Schutz der elterlichen Geborgenheit zurückkehren, schon aus kulinarischen Erwägungen war dies ein stets sehnlich erwartetes Ereignis. An einem dieser Wochenenden also, während eines verregneten Nachmittages, saß ich allein im heimatlichen Wohnzimmer, langweilte mich und hangelte mich im elterlichen Radio durch alle Sender durch und blieb schließlich hängen. Was da plötzlich aus den Boxen der Anlage drang, war völlig neu, unvermutet, noch nie gehört und traf mich wie ein Blitz ins Hirn und ins Herz. Mächtige, spätromantische Klangwellen durchrollten mein Inneres, und auf deren Wogen wurde ich davon getragen, mein Haar zerzaust im wilden Sturm und ich saß auf kleinem Boot, dessen Segel in Fetzen ging und es tanzte und sprang auf der schäumenden Gischt und ich lachte und schrie voller Begeisterung den tobenden Elementen mein Verständnis und meine Freundschaft entgegen und sie hoben mich empor und der Ozean und ich umarmten einander und wir stürzten die Brandung entlang und es war RICHTIG.

Dann erklärte eine nüchterne Stimme im Radio, man habe dem geneigten Publikum soeben die Elfte Symphonie von Dmitrij Schostakowitsch zu Gehör gebracht, dargeboten vom Staatlichen Rundfunksymphonieorchester der UdSSR unter Leitung von Gennadij Roschdestwenskij.

Ich sank erschöpft zurück. Ich wußte, ich hatte eine große Liebe gefunden, und sie würde mich nie, nie mehr verlassen, sie würde bei mir bleiben alle Tage meines Lebens, durch alle Wandlungen und Veränderugen, sie würde nichts von mir fordern, sie würde mir alles schenken: die Musik. Noch am selben Tag rannte ich in einen gutsortierten Musikladen und erwarb die erste Schallplatte meines Lebens (na gut, genau genommen, waren es zwei), trug sie wie eine herrliche Beute nach Hause und legte sie mit bebendem Herzen auf, sie anzuhören.



Und da war sie wieder, diese machtvolle Musik, der ich mich sofort und abermals ausgeliefert fühlte. Ich nahm sie mit zurück nach Meinerzhagen und von dort in alle Orte, an denen ich seither gelebt habe, nie mehr war ich ohne sie, Sauerstoff für meine Seele. Andere, in den Augen der Allgemeinheit größere Titanen der Musik habe ich später schätzen und manchmal auch lieben gelernt, Bach, Beethoven, Mozart, Mahler, Strauss, Bruckner, Verdi, Puccini und wie sie alle heißen mögen und sicher sind sie alle bedeutender und wichtiger, aber mein persönlicher Hausgott ist seit jenem Sommertag vor siebenundzwanzig Jahren immer dieser scheue, zerquälte Mensch geblieben, der mich in welchem seiner Werke auch immer so sehr in mein Allerinnerstes zu treffen vermag wie niemand sonst, seien es seine hochstürmenden Revolutionssymphonien oder todtraurigen Elegien fürs Streichquartett. Weil seine Musik richtig ist.

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch wurde heute, am 25. September, vor Hundert Jahren geboren.

Und ich bin froh, mich einst an einem Nachmittag gelangweilt zu haben.

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Sonntag, 24. September 2006

"Und der dritte Engel posaunte; da fiel ein großer Stern vom Himmel, brennend wie eine Fackel."

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Freitag, 22. September 2006
CSI im Kochtopf

Da setz' ich das Nudelwasser auf und der Deckel beschlägt von innen. Das erste Mal, daß ich meinen Fingerabdruck gesehen hab. Ganz ohne Chemikalien.

Wasserdampf tut's auch

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Donnerstag, 21. September 2006
Gartenfön

Ob Gott, der Herr mal bitte diese Idioten in der Nachbarschaft unnachsichtig strafen könnte (Blitzschlag angenehm), die die letzten schönen Septembertage mit ihren Laubsaugern bereichern? Selten so was dämliches gesehen: Da steht so ein Laubsaugerbesitzer in seiner Einfahrt und pustet mit ohrenbetäubendem Lärm ein paar Blätter weg, während direkt daneben der erwartungsvoll grinsende und sich herbstfärbende Baum laubschwanger über den Asphalt neigt. Der Laubsaugerbesitzer behandelt auch seine Hecke, nachdem er sie geschnitten hat. Er fönt seine Hecke!

Und weil der Mensch vom Affen abstammt, haben sich mindestens drei andere Deppen in der Nachbarschaft auch einen Gartenfön gekauft.

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Mittwoch, 20. September 2006
Perpetuum mobile

Der Schornsteinfeger kam, sah und sagte: Also, bei Ihrer Heizung, der Brenner, also, der ist jetzt 20 Jahre alt, wissen Sie, der enspricht nicht mehr den Normen, also da muß ein neuer her. Dann setzte er eine gewichtige Amtspersonenmiene auf und meinte, in sechs Wochen käme er wieder. Inspektionsgebühr einundfünfzig Euro.

Der Heizungsbauer kam, sah und sprach: dieses Modell, das ist zwar nicht unbedingt das billigste, aber das ist so effizient, da sparen Sie glatt die Hälfte am Ölverbrauch und gut für die Umwelt ist es auch. Froh, mein Umweltbewußtsein mit der erfreulichen Aussicht auf Heizkostenersparnis verbinden zu können, sprach ich den Auftrag aus. Seiner Berufsbezeichnung entsprechend waltete der Heizungsbauer seines Amtes und baute eine neue Heizung ein. Material- und Montagekosten viertausend Euro.


Hält jetzt die nächsten fünfzig Jahre

Dann blickte er mit merkwürdigen Gesichtsausdruck auf den Schornstein und sagte gemütlich: der sieht ja auch schon ziemlich verwittert aus, den sollten Sie mal verschalen lassen, sonst fallen Ihnen irgendwann die Ziegel auf den Kopf. Ich seufzte leicht (denn noch nie waren mir bisher Ziegel auf den Kopf gefallen und ich beabsichtige, diesen angenehmen Zustand noch eine Weile aufrechtzuerhalten).

Die Dachdecker kamen, sahen und arbeiteten ein wenig. Natürlich zu zweit. Alle halbe Stunde mußten sie sich ausruhen, setzten sich auf die Terrasse, fläzten sich in die Stühle, rauchten, aschten auf den Boden und warfen die Zigarettenstummel hinterher. Natürlich dürstete es sie, kein Wunder, bei der Hitze in diesem Juli und ihrer schwarzen (!) Kleidung (anderseits: man muß ja nicht Dachdecker werden). Also bot ich ihnen Mineralwasser, sie nahmen es ungerührt und wie einen Tribut. Was sie aber nicht daran hinderte, jede Menge braune Amibrause zu konsumieren und die leergetrunkenen Dosen/Flaschen ebenfalls malerisch zu verteilen. Alle fünf Minuten handynierte der eine oder der andere mit der Frau/Freundin, ja, er wäre noch auf der "Baustelle", käme aber bald nach Haus. Material- und Montagekosten sechshundert Euro.

Der Schornsteinfeger kam, sah und sagte: Also, bei Ihrer Heizung, der Brenner, der ist ja jetzt in Ordnung, das kann ich so amtlich abnehmen, aber der hat viel niedrigere Emissionswerte und die Temperatur im Schornstein ist auch viel geringer, da bildet sich dann Feuchtigkeit. Da müssen Sie ein Edelstahlrohr reinsetzen, ja, das wird wohl so an die tausend Euro kosten. So, der Heizungsbauer hat Ihnen nichts davon gesagt, na sowas. Wie? Nein, nicht unbedingt dieses Jahr, das hat auch bis zum nächsten Herbst Zeit. Inspektionsgebühr siebenundvierzig Euro zwanzig.

Ach ja, und wenn ich ihn mit dem Rohreinbau beauftragen würde, dann könnte er mir auch die nächste Inspektionsgebühr erlassen...

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